Persönliche Gedanken zur wiederbelebten „Killerspiel-Diskussion“


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Als der „ATARI 2600“ im Jahr 1977 vorgestellt wurde, war ich 10 Jahre alt. Seit dem bin ich Videospieler. Auch heute noch gehören Videospiele zu meinen favorisierten Hobbys. Zu Hause stehen in einem eigens dafür eingerichteten Raum sowohl eine Playstation 4 als auch eine Xbox One und warten darauf eingeschaltet zu werden.

Warum ich dies schreibe? Weil es mich gerade schier wahnsinnig macht, wenn im Zusammenhang mit dem Amokläufer in München wieder von „Killerspielen“ gesprochen wird. Echt jetzt? Hatten wir das nicht schon alles?

Zugegeben, das Thema „Killerspiele“ oder „Egoshooter“ eignet sich bestens für die Medien. Man kann zusammenhanglos irgendwelche Fotos oder Videosequenzen von solchen Spielen zeigen und all die Leser bzw. Zuschauer die mit dem Medium „Videospiele“ nicht vertraut sind, sind entsetzt, erschrocken und erschüttert. Und BÄNG – hat man einen Schuldigen gefunden.

Ich will nicht bestreiten dass einige kommerziell sehr erfolgreiche Videospiele Gewalt als Grundthema haben und diese Gewalt grafisch sehr brutal darstellen und fokussieren. Es gibt einen guten Grund, warum diese Spiele in Deutschland auch erst an Erwachsene verkauft werden dürfen. Genauso wie es Hip-Hop Musik gibt, die nicht für Kinderohren gedacht sind. Und es gibt unzählige Action- und Horrorfilme, die Gewalt in ihrer brutalsten Art darstellen. Viel schlimmer, als dies je Spiele tun könnten. Immer wenn wir einen Amoklauf beklagen, wird aber von Seiten der Politik und der Medien weder auf die CD-Sammlung noch auf die Filmsammlung des Täters hingewiesen, sondern von seinen Vorlieben an Videospielen berichtet. Merkwürdig, oder nicht?

Der Täter von München hat sich den Ermittlungen nach ein Jahr lang intensiv mit Amokläufern beschäftigt, war sogar an ehemaligen Tatorten und hat dort recherchiert und fotografiert. Er besaß ein Buch mit dem Titel „Amok im Kopf“. Er war in psychologischer Behandlung. Er hat es geschafft im „Darknet“ Waffen und Munition zu kaufen. Es gäbe also sehr viele Fragen die man sich stellen könnte. Eine davon wäre für mich: Wann und wieso hat die Aufsichtspflicht der Eltern versagt? 

Es ist Fakt, dass Videospiele zur westlichen Jugendkultur dazu gehören. Mit Videospielen wird in der westlichen Welt mittlerweile mehr Jahresumsatz generiert als in der gesamten Filmbranche (Kino, DVD, Blu Ray & Stream zusammen!). So gut wie jeder männliche Jugendliche und Jungerwachsene kommt daher mit Videospielen aller Art in Berührung. Da einen Zusammenhang herleiten zu wollen ist genau so einfältig als wenn man z.B. feststellen würde, dass alle Amokläufer Turnschuhe besessen haben.

Viele Millionen Menschen spielen Counter Strike, Call of Duty, Battlefield & Co. Sind das deswegen alles potenzielle Killer? Blödsinn! Thomas de Maizière stellte jetzt in einem ARD-Interview fest, dass „kein vernünftiger Mensch“ den Einfluss von Gewaltspielen abstreiten könnte. Kein vernünftiger Mensch, aha. Wie soll uns eine derart festgefahrene Position weiterbringen?

Warum kommt eine Studie des amerikanischen Secret Service zum Ergebnis, dass Amokläufer an US-Schulen sich zwar fast allesamt mit Gewaltmedien wie Filmen befasst haben, an Spielen aber sogar weniger Interesse hatten als gleichaltrige Jugendliche? Wenn in Deutschland selbst Minderjährige USK-18-Titel zocken, weil ihre Eltern nicht drauf achten, wäre es dann nicht sinnvoller, die Medienkompetenz der Eltern zu stärken, als Verbote zu fordern?

Thomas de Maizière fordert eine Debatte über Spiele. Sehr gern! Videospiele können ein total schönes, kreatives und verbindendes Hobby sein. Aber lasst diese Diskussion diesmal keine Debatte der Politik werden. Lasst es eine gesellschaftliche Debatte sein! Ich würde es total begrüßen, wenn über solche Diskussionen viel mehr Personen (gerade in meinem Alter oder älter) besser über Videospiele Bescheid wüssten.

Die absolute Mehrheit aller Videospiele sind friedlich, fröhlich, naiv und wunderschön. Ein Teil davon sind „Erwachsenenunterhaltung“, die aber nicht „Gewalt“ an sich, sondern sportliche Aspekte wie z.B. schnelles Reaktionsvermögen und Teamplay im Vordergrund haben. Und dann gibt es noch diese Minderheit an wirklich unmoralischen, gewaltverherrlichten Spielen, die auch ich ganz schlimm finde und verabscheue. Doch selbst wenn der Münchner Amokläufer gerade letztere Spiele gespielt haben sollte… darf ich dann bitte einmal Fragen wie so etwas angehen kann? Ein Jugendlicher der so auffällig ist – wie kann der ungehindert solche Spiele spielen? Wie kann der sich mit dem Thema „Amok“ so intensiv auseinandersetzen ohne dass dies Eltern, Freunden oder ähnlichen Personen auffällt und zu denken gibt? DAS ist für mich die Schraube an der ich ansetzen würde! Die Gesellschaft darf nicht wegsehen! Es ist so schön einfach strenge Gesetzte gegen z.B. Spiele oder ähnliches zu fordern, als sich seriös mit dem eigenen Fehlverhalten zu beschäftigen.

Ich denke es ist die Pflicht jedes Erwachsenen und besonders jeden Elternteils sich mit der Kultur der heutigen Kinder und Jugendlichen zu beschäftigen! Und da ist das Thema „Videospiele“ neben „Sozialen Netzwerken“ ein ganz entscheidendes und zentrales Thema! Es bringt keinem etwas wenn unsachgemäß und medienwirksam über „Killerspiele“ gesprochen wird. Genau so wenig bringt es etwas sich jetzt über all die Verrückten „Pokemon GO“ Spieler zu beklagen. Videospiele – egal in welcher Form – gehören zu unserer Kultur dazu! Und bevor man sich darüber beklagt, wäre es sinnvoller und zielführender, wenn man sich mit dieser Unterhaltungsbranche seriös auseinandersetzen würde. Ergebnisoffen. Das würde schon stark weiterhelfen.

Abschließend möchte ich Jan Böhmenmann zitieren:
„Wie kommt ein 18-jähriger in Deutschland an eine 9mm-Pistole und 300 Schuss Munition? Hat er bestimmt in einem Killerspiel gekauft.“

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